Grafologie

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Grundlegendes zur Grafologie

Aus dem Psychologischen Wörterbuch von F. Dorsch:

Definition

Die Bezeichnung "Graphologie" ist abgeleitet vom griechischen 'graphein' (schreiben) und 'logos' (Wort, Lehre). Sie wurde erstmals von Jean-Hippolyte Michon so genannt.
Grafologie ist jene Disziplin der Ausdruckspsychologie, die den Zusammenhang zwischen handschriftlichen Merkmalen und Persönlichkeitsmerkmalen erforscht und zu psychodiagnostischen Zwecken anwendet. Die Handschrift wird dabei als eine „sprachlich-graphisch-signifikative Werkgestalt" hohen Individualitätsgrades betrachtet und als „Wesensausdruck der Person" nach praktisch bewährten Regeln ausgewertet.

Methodische Ansätze

Innerhalb der Grafologie werden verschiedene Forschungsrichtungen und Arbeitsstile unterschieden:

  1. Die auf Beobachtung und Vergleich beruhende, empirisch-induktive Betrachtungsweise Michons und seines mehr zur Ganzheitsbetrachtung und Systematisierung geneigten Nachfolgers Jules Crépieux-Jamin. Diese Methoden wurden vor allem in der „französischen Schule" weiter ausgebaut.
  2. Experimentelle Ansätze deutscher Psychiater und Psychologen gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Im wesentlichen waren dies Goldscheider, Erlenmeyer, Käser, Preyer, Meyer und der Kreis um den Erfinder der Schriftwaage Kraeplin.
  3. Die auf dem „Ausdrucks- und Darstellungsprinzip" und dem sogenannten „Formniveau" beruhende, „biozentrische" Methode des in Deutschland bekanntesten Graphologen Ludwig Klages.
  4. Die eidetische, verstehende Grafologie. Sie erfasst als Formpsychologie das Schriftbild und seine Elemente unter allgemein- und raumsymbolischen Aspekten (Max Pulver), oder deutet Schriftgestaltungen als Bildnerei des Unbewussten (Wolff).
  5. Die kinetische Grafologie. Sie untersucht als Bewegungspsychologie den expressiven Anteil der Schreibspur als einer automatisierten Willkürbewegung (Rudolf Pophal).

vgl. Zusatzinformation 1

Vorgehen

Bei einer grafologischen Untersuchung werden zunächst ganzheitliche Kriterien erfasst. Man spricht auch von sogenannten Eindruckscharakteren und Anmutungsqualitäten des graphischen Ausdrucks.
Je nach Methode sind die folgenden Aspekte wichtig:

  • Bewegungsbild, Raumbild und Formbild (Robert Heiss)
  • Die entwicklungspsychologisch fundierten sogenannten Versteifungsgrade (Rudolf Pophal)
  • Harmonie, Rhythmus und Eigenart
  • Formniveau nach Klages

Mit diesen Elementen wird ein individuell-psychischer Rahmenbefund der zu untersuchenden Handschrift definiert.
Anschliessend werden zahlreiche graphische Einzelmerkmale erfasst, unter anderem Schreibtempo, Verbundenheitsgrad, Grösse, Weite, Lage, Bindungsformen, Druckstärke, Gestaltung von Anfangsbuchstaben und von Endzügen, Längenunterschiedlichkeit, Verknüpfung usw.

Diese Einzelmerkmale werden in Ausprägungsgrad und Häufigkeit systematisch protokolliert.

Auf dem Hintergrund der ganzheitlichen Kriterien können die Einzelmerkmale gemäss ihrem Ausdrucksgehalt für die jeweilige Schrift interpretiert werden. Dabei spielen Erkenntnisse von verschiedenen psychologischen Schulen eine wichtige Rolle.

Bei diesen Untersuchungen sind allfällige "Störfaktoren" zu berücksichtigen. Das können etwa sein:

  • Einflüsse durch besondere Schreibumstände (Material, Ort, ...)
  • Besondere persönliche Situation (Stellenverlust, Krankheit, ...)
  • Verletzungen
  • Auswirkungen von Medikamenten oder Drogen
  • Versuch, die Handschrift zu verstellen

Im allgemeinen wird die Auswertbarkeit der Handschrift durch derartige Einflüsse erschwert, jedoch nicht aufgehoben.

vgl. Zusatzinformation 2

Was für die Grafologie spricht

  • Die Merkmale der Handschrift von einer Person zeigen hohe Konstanz.
  • Die Objektivität ist hoch.
  • Es besteht weiterer Forschungsbedarf in Bezug auf die Validität.

vgl. Zusatzinformation 3

Anwendungsbereiche

Am häufigsten wird die Grafologie im Zusammenhang mit Stellenbesetzungen eingesetzt. Nach dem Urteil kompetenter Personalpraktiker kann sie - in der Hand des graphodiagnostisch begabten, spezifisch geschulten und betriebspraktisch erfahrenen Psychologen - auf diesem Gebiet eine wesentliche Entscheidungshilfe sein.

Weitere Verwendungsmöglichkeiten der Grafologie bestehen

  • im klinisch-psychologischen und im psychiatrischen Sektor
  • in der Berufsberatung
  • in der Jugendpsychologie
  • in der Sozialfürsorge
  • in der (privaten oder geschäftlichen) Partnerschaftsbeurteilung
  • und nicht zuletzt auf geschichtswissenschaftlichem Gebiet, wo die Grafologie die einzigartige Möglichkeit bietet,die psychologische Struktur historischer Persönlichkeiten zu untersuchen.

Zusatzinformationen

Zusatzinformation 1:

In der Praxis bewährt hat sich die Arbeitsweise, welche möglichst viele der verschiedenen Ansätze berücksichtigt. Portraits von genannten Personen sind in der Galerie zu finden.

Zusatzinformation 2:

Artikel "Grafologische Methoden der Schriftbeschreibung" von Oskar Lockowandt.

Detailliertere Erklärungen mit Illustrationen sind zu finden auf www.grapho.ch

Zusatzinformation 3:

Informationen über Forschungsarbeiten und grundsätzliche Überlegungen